Begegnung mit der ersten Frau

Dein Antlitz schwebte strahlend auf mich zu.
Der Lärm der Stadt erlosch
Ich hemmte meinen Schritt!
Furchtbare Stunde, so des Schreckens voll.
Hier kam die Schönheit und die Jugend,
Mir aber strich der Wind durchs graue Haar….
Wie nie ein Grab, so tief war da ein Schmerz;
Du gingst vorbei! Mein Auge, lang geübt
Im Schaun des Schönen, sah all den Reichtum
Heller Lust. Ich wusste Nächte, gleich der Raserei
Des Meers in ihrem Sturm, Mondstunden,
Sanft und Morgen, weitgedehnt wie Heidestrecken
Mit Bächen klarer Worte, ahnte dies: Nylon
Und Perlon wie ein Spinnetz zu zieren
Diesen Leib komm näher bat ich stumm,
Komm näher! Doch sie schritt vorbei!
Dies sind die Stunden, tausendmal erlebt
Von Tausenden! O möge kommen eine Zeit,
Die solches Weh nicht duldet, nicht duldet
Das Häuptling Geld den Häftling Armut wirft
In jene Zelle, oft genannt: die Schwermut!
Komm, große Zeit und öffne weit dein Tor.

Schloss Meersburg

Still ragt der See, die Sterne flimmern,
Unendlich wölbt sich diese Nacht,
Die Wasser glucksen müd und schimmern
Und nur die Muse hält Wacht.
Hier unter diesem Sternenfunkeln
Im grauen, altbetürmten Haus.
Da gosst du bei der Lampe Dunkeln
Die Gluten deiner Lieder aus.
Vergeistert hauchen Lüftewellen
Wie deine Seele um das Schloss.-
Und dort der Turm in Mondeshellen
Harrt wie ein alter Weggenoss.
Das ist gespenstisch! Kehrst du wieder
Du große Frau, du Dichterin?
Was sinkt dort ein Nebel nieder
Und wandelt die Terrasse hin?
Weiblichen Hamlets Wandergänge
Schreitest du an der Zinne her. –
Du bist es, Herrin der Gesänge,
Und lugst hinab zum Wellenmeer.
Du schaust mit blassem Angesichte
Die Fluren, die noch ewig jung,
Und starrst zum guten Himmelslichte
In Andacht und Begeisterung,
Doch fühlt dein edles Dichterhirn
Die Trauer der Vergänglichkeit.
Du streichst das Haar dir von der Stirn
Im Wunsch nach Schlaf und Ewigkeit.
Vision! – Du bist in dir vergangen,
Es flieht ein Hauch wie müdes Weh. –
Der Turm steht stumm und nachtverhangen
Und unten gluckst der stille See.

 

An Anette von Droste-Hülshoff

Orchideen

Wie Arme, weitgereckte, wächst im Dunst
Des Urwaldschattens wildes Schlinggewächs.
Von grünen Steinen huscht die Goldeidechse
Und Schlangen, schillernd in der Hitze Brunst.

Lauern auf Beute mit verglastem Blick.
Ein leises Zittern nur zeigt, dass sie leben
Und in die violetten Tiefen heben
Sie ihren Kopf und schnellen ihn zurück.

Dort oben aber auf bemoostem Baum
Blüh’n Orchideen bei schwankenden Lianen
Die schlanken Blätter weh’n die grüne Fahnen
Die Blume geistert wie ein Tropentraum.

Vom Tiger lieh sie ihr gestrichelt Braun,
Von heißen Nächten den verhalt’nen Duft.
So schwelt ihr Atem in der trunk’nen Luft,
Die Urwaldlilie, herrlich anzuschau’n.

 

Lindauer Patrizierhaus

Es lastet schwer und grau in enger Gasse.
Versteinertes Jahrhundert!
Die Wappen an verschnörkelter Fassade
Erzählen von verwehten Toten
Dem Wanderer, wenn er den Schritt verhält.
Der Eichentüre reiche Handwerkspracht
Lädt ein ins Zwielicht eines weiten Flurs.
Im Gewölbe haucht Vergangenheit.
Die Treppe, breit, behäbig, dreht sich empor,
Umrahmt von des Geländers Eisenkunst.
Die Halle oben, weiss und ohne Zeit –
Lässt einen Ritter an der Wand erblicken,
Schilde und Namen! Im falben Dämmer scheinen
Geister an den Mauern hinzugleiten.
War da ein Laut? Nein! Dieses Haus ist so erfüllt
Von der Geschichte Reichtum, von Gestalten, Wesen,
Doch aus der Jahre nebelferner Zahl
Spricht Wehmut stumm
Es war einmal …

Über das Baron Lochner Haus in Lindau

Motorräder auf der Chaussee

Jagt über de Strasse,
Nach dem Ziel. In den Tod?
Flucht vor dem Sterben?
Kühne Feigheit. Geruch
Von Leder, Benzin und Öl.
Maschine hämmert;
Triumph von Gummi und Stahl.
Auf dem Soziussitz,
Flatternden Schleiers, wehenden Haares,
Sitzt eine Frau.
Schönheit und Liebe thront
Über den Schlag des Motors,
Der die Luft zerreißt,
Feind der Stille der Fluren
Weißgoldenen Laubes reich
Und die Wälder, ultramarin,
Blumen und Schmetterlinge,
Bach und Gras, alles ist groß
Und spricht vom einfachen Leben!

Lindaus weihnachtliche Beleuchtung

Nacht, glühbirnenhell.
Magische Laternen.
Feuerschlangen der Girlanden
Hängen von Haus zu Haus
Und löschen alle Schwermut aus.
Alle, die sonst im Dunklen standen,
Staunend, geschmückte Fenster fanden,
Zum Kaufe lockend!
Brüderlich will alles sich beschenken.
Der Christbaum im Nebel ganz verweht,
Wie eine Lichterpyramide steht.
Gesichter, freudig angestrahlt;
Prunk, Feuerwerk, an Drähten festgehalten
Gespinst aus Licht!
Das liebt der Mensch und hat es gerne,
Lampen, wie Liebe rot
Und kindergoldne Sterne.

Mond über dem Feldberg

Da steigt vom nahe Berge nieder
Dein Licht und fließt auf Feld und Rain.
Durch dunkler Tannen wild Äste
Segnet mich still dein milder Schein.

Zum Gruß, mein Freund in Sternenhöhen!
Die Seele winkt zu dir empor
Ich spreche gern deinen Namen,
Du Wärter an der Nächte Tor.

So alles Weltweh kannst du lösen,
Vor dir erlischt des Bösen Glut.
Verbündet fühlen sich die Besten,
wallt magisch deine Macht im Blut. –

So schwebe den in Silberwolken
Und sei mit diesem Lied belohnt.
Die Stille meiner Sehnsucht wandert
Von je mit dir, du guter Mond.

1947 Siehe auch "Vollmond"

Wasserburger Bühl

Ein Haus, gewohnt am Weiher nach zu ruhn,
Weiss aus Jahrhunderten Romane,
Erzählungen der Liebe, Tränen, Lachen.
Tief eingezogen in das alte Holz
Ist vieler Sommer braungebrannte Glut.
So steht allein das buntbewohnte Gut
Und einer alten Turmuhr Pendel nagt,
Wie verzagt
Oft stille stehend, an der  Gegenwart
Und schwingt ins Landschaftsbild verrostet, hart
Den schrillen Schlag.
Der Wald wirft Schatten in das Wachen
Der morgendlichen Wege und der Schlaf,
Vom Wetterleuchten zagen Lichts erschreckt,
Wird o Erlösung, lächelnd aufgeweckt!
Gib mir, dem Wanderer, Kraft, ganz Tag zu sein.
Im Walde die Ruhe will ich sehen,
Wo einst der Wachtturm stand:
Ein Rest von einem Tor am steilen Rand.
Durch unnahbare Bäume will ich gehen,
Der Maler sieht das Spiel der Lichter rein.
Schön, dass mein Schritt euch früh entdeckte,
Ihr Träger weicher Wolken,
Gemalt, bedichtet, fröhlich oft besungen,
Rauschender Trost im Leben der Erniedrigungen.

ca. 1966

Einer Wirtin

Zur Kassrol, Topf und Kanne
Gehört auch eine grosse Pfanne
Dass die Würste, kurz gebraten
Für die Gäste gut geraten.

Jedes Mannes bester Lohn
Ist die Friedensposition.
Deshalb lass gehörig schmurgeln
Hühner mit und ohne Gurgeln.

Packt die Gäste dann der Durst
Nach der etwas scharfen Wurst –
Klingt ein Prosit in der Runde,
Bis zur frohen Morgenstunde.

Deiner Wirtschaft guten Ruf
Deine Müh und Arbeit schuf
Lass die Pfanne nun probieren
Vivat hoch! – wir gratulieren.

 

V.

Und wieder schlaflos bang durchwachte Stunden.
Enttäuschung nur und Elend hielt mich wach,
Doch weine ich nicht schwächlich Weh und Ach,
Sind offen auch die alten Todeswunden.

Hat mich der Sommermorgen auch gefunden
Wie einen Lebensmüden, krank und schwach,
Ich will im Lebenswetter auch ein Dach,
Das meine Freunde längst gefunden.

Wenn erst der Freundschaft Regenbogen leuchtet,
Dann mag es wohl nach Wolkenbrüchen tagen,
Und die durchfrornen Nächte werden schwinden.

Nur nicht erlahmen und im Kampf verzagen.
Die Welt ist trüb, wenn sich das Auge feuchtet –
Wir müssen wiederum uns finden.