An den Erdgeist

Erst, wenn ich ganz zu dir gefunden
Dann kann ich endlich auch gesunden
Du unerforschtes Angesicht.

O strahle aus dein stolzes Licht
Auf mich und sie, auf beide, beide
Und trete aus dem Nebelkleide.

Sie ist so groß und voller Güte
Und zart wie eine Himmelsblüte
Ich sah es in der seltnen Nacht!

Stimmung

Nacht bäumt sich vor dem Fenster:
Urkern alles Seienden,
Gebärerin der Gestirne,
Einmal, in Zukunft enträtselt …
Vielleicht ist der Orgasmus
Der Liebenden die letzte Harmonie
Mit dem Unendlichen!
Vielleicht ist Geburt Tod und umgekehrt.
Daher die Lebensangst, die Todesangst. –
Zimmer, hülle dich in Dunkel,
Verschwebt, Möbel, Bilder, Bücher,
Bis Sonne die Vorhänge durchschiesst mit Strahlenpfeilen
Und die Amsel mit ihrem Gesang
Die Nacht aufreiht zu Tonketten,
Herrlich und wunderbar.

Alter Boheme im Cafe

Gib mir dein Glas!
Nochmal! Ich danke sehr!
Du blicktest längst schon zu mir her,
Bin ich dir interessant?
Ich habe dich schon längst gekannt!
Bist du dich nicht Einer, der wie ich,
Nicht fertig werden kann mit sich?
Hast du mich weinen sehen in der Ecke
Und Tränen fallen auf des Tisches Decke?
Noch einen Schluck! Ich bin schon halb besoffen,
Ich habe dich —- meinen Freund —- zu spät getroffen!

Hyazinthen

Im Keller, in dunkelster Ecke,
Barst die Zwiebel zum Leben auf.
Langsam, ganz langsam im Verstecke,
Hob sich der Saft zum leimlichen Lauf!

Schob die Blätter, leise, leise
Empor in strebsamer Nacht.
Löste das Werden in ewigen Kreise …
Aus des Winters kalkiger Nacht!

Und nun in des Zimmers Licht gestellt
Strotzt der Kolben der Blume im Duft!
Sieg, Sieg über die Unterwelt …
Verzaubert der Raum, durchdrängt die Luft.

Das Wunder besah ein Maler froh –
Ein Dichter schrieb ein Gedicht -.
Das Gelb und Blau, es leuchtet so!
Und spendet so viel Licht!

Für Honest!

Wir sind nicht verlassen
Im Wartezimmer der großen Galerien!
Wir teilen unsere Kunst
Im Weltgeschehen.-
Frage den Stern über deinem Dach.
Künstler schaffen lautlos,
Wie die Gewalt der Gerstirne!

 

Für Honest Schempp 10.2.69 Früh 4 Uhr

Empfindung in einer Nacht

Nun bist du tot
Und doch nicht tot
Und lebst und kannst doch nicht mehr leben-
Du, einst mein schönstes Morgenrot-
Du letzte Not.
Ich dir nicht – mir nie vergeben!

Gedanken vor der Nacht

Wie tief ist der Schlaf,
So tief wie das Meer?
Stürze ich in die Zerklüftungen
Der Wachträume?
Wie tief?
Lider im Vergessen –
Fratzen, manchmal geschnitten von der Schere
Der Unruhe: Angst!
Auch Rosaflüsse des Blutes
Unerhörte, heilige Ruhe.
Vielleicht!
Doch immer wartet der Mensch
Auf die Sonne,
Den aufglühenden Morgen –
Immer!

Ahnung

Sah ein Blatt gelb leuchtend im Geäst,
Hing verwelkt in vieler Blätter Grün.
Nur dies Blatt begann im Tod zu glühn;
Einer letzten Stunde banges Fest.

Und ich schaute in das Silbermeer,
Schwäne zogen um des Schiffs Metall,
Von der Schanze quaderschwerem Wall
Trug der Wind Gelächter zu mir her:

Fiel in diesem Augenblick ein Hauch,
Jenes Blatt auf meine offne Hand,
Weher Gruss aus hellem Sommerland –
Starb das Lachen aus der Ferne auch …

Eheglück

Dem Gatten mit dem Namen Walter,
Bemüht des Nachts als Kerzenhalter
Frau Tusnelda Gisenlohr
Indem sie herzlos in sein Ohr
Eine schlanke Kerze steckt
Wenn das Licht dann schwankt und lodert
Schreit sie: „Liegst du endlich still,
Wenn ich ruhig lesen will?“

15.11.51

Herbstimpressionen

Das Laub fällt in mystisches Licht
In warme Schatten.
Ein Hauch Karmin durchglüht die Atmosphäre,
Kadmium wirft Strahlenpfeile
Gegen das Sterben.
Die Stämme tragen des Himmels Gotik
Und die Bänke, leer, erinnern
An Liebesworte, vom Winde verweht.
Immer noch nah sieht der Mars
Und spricht von Lichtjahren her …
Aber die Blätter, welke Herzen des Sommers,
Kennen die Spanne nur
Vom Frühling zum schneeblauen Winter.